Glocken

In Betzingen wird Weihnachten auf eine ganz besondere Art und Weise eingeläutet – im wahrsten Sinne des Wortes.

Am Heiligen Morgen ziehen in aller Frühe Kinder und Jugendliche durch den Ort und wecken die Betzingerinnen und Betzinger mit dem Klang von Glocken und Schellen. Sie wünschen den Menschen schöne Weihnachten und sammeln dabei Spenden. Die Süßigkeiten werden unter den Teilnehmern verteilt, die Geldspenden für gute Zwecke weitergeleitet.

Viele Betzingerinnen und Betzinger warten so sehr auf die glockende Schar, dass sie sich extra den Wecker stellen.

Kulturgeschichtlich wird der Glockentag als Mischung aus heidnischem und christlichem Brauch erklärt. In vorchristlicher Zeit war er Auftakt zu den zwölf heiligen Nächten. Aber auch die Wintersonnenwende und die alemannische Tradition des Vertreibens böser und Beschwörens guter Geister dürfte eine Rolle spielen. Die Buben und Mädchen glockten , wie´s schon der Vater und Urgroßvater getan hatten. Mit Schellen und Glocken verschiedenster Größe und Tonart zogen sie putzmunter durch die Betzinger Straßen und schufen dabei eine Geräuschkulisse, die in den Dorfchroniken freundlich als „feierliche Disharmonie“ charakterisiert ist.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verblasste die Tradition, bevor sie in den 1980er-Jahren von unserer Ortsgruppe wiederbelebt wurde. Der Betzinger Journalist Herrmann Pfeiffer beschreibt den Brauch folgendermaßen:

In Betzingen hat das „Glocken“ Tradition
(Text und Bild Hermann Pfeiffer)

Der Brauch, frühmorgens an Heiligabend zu „glocken“, geht wohl auf alemannischen Ursprung zurück. In vorchristlicher Zeit stand der Glockentag am Beginn der zwölf heiligen Nächte. In Betzingen, das 1907 als Ort mit über 3.000 Einwohnern seine Selbstständigkeit aufgab und mit der angrenzenden Stadt Reutlingen (Baden-Württemberg) einen Eingemeindungsvertrag schloss, hielt sich das Brauchtum zunächst bis über den Ersten Weltkrieg hinaus. Nach der Herkunft der Sitte, so der Betzinger Kulturwissenschaftler Michael Schödel, hat sich jedoch keiner gekümmert. Auch in einigen umgebenden Gemeinden wie Ohmenhausen oder Kusterdingen auf den Härten hielt man an der Tradition fest. Das „Glocken“ wurde hauptsächlich von den Buben im Schulalter ausgeführt. Mädchen waren nicht dabei. Jeder Betzinger Schüler, der eine Glocke sein Eigen nannte oder sich im Verwandtenkreis eine besorgen konnte, setzte alles daran, um morgens um vier Uhr rechtzeitig mit von der Partie zu sein.

Mit Kuhschellen am Lederriemen fing alles an
Zum Glocken wurden unterschiedlich große Kuhschellen genutzt, die den Kühen beim Weidebetrieb umhingen. Die jugendlichen „Glocker“ trugen den breiten Lederriemen, oft mit Messingschnallen verziert, wie eine Schärpe über die Schulter und konnten dadurch mit den Händen ihrem „Instrument“ die unterschiedlichsten Lautstärken und Modulationen entlocken. Sobald im Dorf die ersten Glockentöne vernehmbar waren, summierte sich das Geläut aus allen Ecken, Gassen und Straßen zu einem vieltönigen Auftritt.
Das Glocken-Konzert inmitten noch dunkler Straßen und Plätze wurde bei großen Glocken mit dumpfen, bei kleinen an das Geläut der Müllergäule erinnernden Schellen in variierenden Lautstärken vernehmbar.

Glocken am Lederriemen

Natürlich gab es auch „Erwartungen“
An bekannten Häusern im Ort, wo sich die Kinder Gaben erhofften, wurde besonders hartnäckig und laut „geglockt“, bis sich ein Fenster oder eine Haustür auftat und leckere Springerle oder ein Lebkuchen ihren Besitzer wechselten.
Eine immer willkommene Anlaufstelle war der Braun-Beck im Dorf. Schon recht früh trafen die Frauen mit ihren Kuchen- und Springerlesblechen ein. Dort im Hof, wo der Bäcker sein holz pyramidenartig aufgeschichtet hatte und wo aus der offenen Backstube in der Frühe ein so aromatischer, warmer Kuchen- und Gewürzduft herausströmte, hielten sich die Jungen gerne auf, hofften sie doch, von dem frisch Gebackenen eine Kostprobe abzubekommen.
Die zumeist grimmige Kälte des Heiligabend ließ Nase und Ohren röten, aber springend und schellend durch die Straßen zu ziehen, das machte warm. Das Glocken war ein Vergnügen und niemand im Ort empfand dieses Brauchtum als morgendliche Ruhestörung. Es wurde den Überlieferungen nach als eine wunderschöne, vorweihnachtliche Musik empfunden. Sobald der Tag heraufkam, nahm das Vergnügen ein Ende.

An der Mauritiuskirche ist der Ausgangspunkt
Das Glocken ist inzwischen fest in Händen der Ortsgruppe Betzingen des Schwäbischen Albvereins. Buben und Mädchen, Jugendliche und selbst einige Erwachsene lassen es sich seit Jahren nicht nehmen, mit ihrem Glocken Jung und Alt den auf fast 11.000 Einwohner angewachsenen Reutlinger Stadtteil auf das Weihnachtsfest einzustimmen.
An der 500 Jahre alten Mauritiuskirche versammeln sich die auf zwei Gruppen aufgeteilten Glocker. Diszipliniert werden nahezu alle Betzinger Straßen – harmonisch und weniger harmonisch – „beglockt“. Ist die Tour nach rund drei Stunden Gehzeit beendet, dann treffen sich die Idealisten in der Albvereinsstube innerhalb des Museums „Im Dorf“. Die Einnahmen – heute überwiegen gegenüber früher Geld – kommen einer karitativen Einrichtung zugute.